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iedereen, 23/02/2024

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Story


Das Duo in der Rockmusik funktioniert in der Regel nach dem Prinzip der Reduktion: Wer nur zu zweit auf der Bühne steht, setzt meist notgedrungen auf Akzente statt auf Flächen, auf Gerüst statt auf Schmuck. Weniger ist mehr, heißt dann die Devise, und es braucht schon eine ganze Menge Charisma (siehe White Stripes), musikalische Versiertheit (siehe Black Keys) oder schlichtweg Druck (siehe Royal Blood), um der Irritation etwas entgegenzustellen, die entsteht, wenn man auf das gewohnte Gesang-Gitarre-Bass-und-Schlagzeug-Setting verzichtet.

Auch iedereen kennen sich aus mit der Frage, was entsteht, wenn man immer mehr weglässt, bis nur noch zwei Sachen übrigbleiben: die Freundschaft und die gemeinsame Liebe zur Idee, zur Kunst, zur Musik. Angefangen hat das Ganze, so klischeehaft das auch klingt, in einem Sandkasten in Emmerich am Niederrhein, wo sich Ron Huefnagels und Tom Sinke das erste Mal als Kindergartenkinder treffen und direkt anfreunden. Statt um Verstärker und Bassdrums geht es damals noch um Bagger und Förmchen, aber die Basis für eine jahrzehntelange Verbindung zwischen zwei Freunden ist schnell gelegt. Es ist eine typische Provinzjugend, dort in Emmerich: Die nächsten „größeren“ Städte heißen Kleve und Bocholt, der Rhein ist nahe, genauso wie die holländische Grenze. Dort kann man sich dann ein Wort ausleihen („Iedereen“ heißt auf Holländisch „alle“), jahrelang im jugendlichen Dummschwätz mit sich herumtragen und schließlich einen Bandnamen draus machen. Doch ansonsten glänzt Emmerich vor allem mit dem Phänomen des doppelten Horizonts. Der ist gleichzeitig sehr weit und breit und groß – weil dort nichts ist. Auf der anderen Seite ist er aber auch sehr eng und klein – eben weil dort nichts ist. Kreativität entsteht oft im Entzug, und diese Erfahrung machen auch Ron und Tom. iedereen sind nicht die erste Band aus der Provinz, denen die Reizarmut und die Metropolenferne dabei hilft, Freundschaften und fixe Ideen zu fördern. Wenn es hier nicht gibt, nehmen wir die Dinge eben selbst in die Hand, lautet das Do-it-yourself-Credo der beiden, die zusammen in verschiedenen Bands spielen, bis ihnen der Niederrhein dann eben doch etwas zu wenig zu bieten hat. Die beiden ziehen nach Köln, zum Studieren, zum Musikmachen, zum Ausprobieren.

Wo das Ganze musikalisch enden sollte, war lange unklar. Es gab eine Zeit, da stand die Tür ihres Proberaums in Köln ständig offen. Befreundete Musiker kamen und gingen, es wurde hier mal gejammt und dort jemand eingeladen. Du hast ein cooles Riff? Klar, komm vorbei. Du spielst Querflöte? Klingt interessant, lass das mal probieren. Irgendwann stand man dann zu acht im Proberaum, es wurde viel gekifft und herumgedudelt, aber etwas Greifbares kam nicht dabei heraus. Aus der Big Band wurde schnell wieder eine Small Band: Einer nach dem anderen verabschiedete sich, und am Ende blieben nur noch Ron am Schlagzeug und Tom mit der Gitarre in der Hand und dem Mikro vor dem Mund übrig. Und selbst die glaubten nicht mehr, dass es weitergehen würde – trotz der langen gemeinsamen Geschichte, trotz der tiefen Freundschaft, trotz des kreativen Vertrauens. Der Mietvertrag für den Proberaum war schon gekündigt, als sich die beiden ein allerletztes Mal dort verabredeten. „Wir haben es einfach fließen lassen“, erinnert sich Ron. „Einfach Musik machen, ohne groß darüber nachzudenken.“ Irgendwas ist geschehen in diesem Moment, an dem beiden mit ihren Ideen ganz auf sich alleine gestellt waren und einfach mal schauen wollten, was passiert. War es ein Funke? Ein Blitz? Ein Neurotransmitter, der ihr zentrale Nervensystem durcheinanderwirbelte? Fakt ist: Seit diesem Abend im Herbst 2018 (??) gibt es das Duo iedereen. Und nun erscheint ihr Debütalbum.

„Ich geh k.o., brenne lichterloh“: Schon der Opener „GKO“ fasst in wenigen Worten zusammen, worum es bei iedereen geht. Um das Risiko, um die Verausgabung, um den Einsatz weit über das Maß hinaus. Wenn man nur zu zweit ist, muss man wohl einfach mit höherem Engagement spielen, und es ist vor allem die Dringlichkeit und die Energie dieser Band, die einen direkt am Kragen packt und die von Anfang an greifbar wird. „Ich halt mir meine Möglichkeiten offen / und hab keine gewählt“ heißt es etwas später in dem Song, und das hat durchaus etwas von dem verzweifelten Ennui, den Bands wie die Fehlfarben oder Abwärts vor über 40 Jahren formulierten. Und das führt einen dann auch musikalisch auf die richtige Fährte. Denn während sich die meisten Gitarre-plus-Schlagzeug-Duos eine Basis aus Blues, Surf, Garage oder Classic Rock legen, holen sich iedereen zumindest einen Teil ihres Inspirationsstoffs im Post-Punk der späten 70er und frühen 80er., als Bands wie Wire, Gang Of Four oder Devo zwar nicht den Planeten, aber zumindest die Herzen der Menschen mit Ahnung, Haltung und einem Sinn fürs leicht Abseitige eroberten. Hier wird robotisch gegroovt, neurotisch gesungen, fatalistisch getextet – und das immer mit lockerer Faust, um den Zuhörern bei Bedarf schnell mal eine reinzimmern zu können.

Doch auch wenn ein Teil der iedereen-Referenzen in die Vergangenheit weist, darf man sich nicht täuschen lassen: Mit Nostalgie und dem Glauben an die Überlegenheit des Gestern hat das hier nichts zu tun. Diese Band ist felsenfest im Hier und Heute verankert. Dafür sorgen allein schon die Texte und die Themen, die unser Leben im Jahr 2023 umkreisen: Vom Self-Care Sunday zur geteilten Amazon-Prime-Mitgliedschaft, vom Tempolimit zum Tinnitus, von Niki, die die WhatsApp nicht liest, zum modernen Mann, der sich finden oder suchen oder verlieren muss, das finale Urteil steht da noch aus.

Aber keine Angst: Dies sind keine sterilen Bestandsaufnahmen zur Verfasstheit der Generation der Gerade-30-Gewordenen. Der Vortrag und die Arrangements und auch die Vielfalt der Themen ziehen hier eine zweite Ebene ein, die iedereen weit weg aus der Tiefebene lotsen, in der die Larmoyanz blüht und Rockmusik zur depressiven 3Sat-Doku verkommt, in der schlecht gelaunt und schlecht ausgeleuchtet schlecht gespielt wird. Die Formel des Albums lautet laut Ron „50 Prozent der Songs sind düster, 50 Prozent eher fröhlich.“ Tatsächlich ist es diese Balance, die das Album auszeichnet und dafür sorgt, dass iedereen im schmutzigen Gitarrenland ein schön weites Feld an Stimmungen, Erfahrungen und Emotionen beackern können. Brachial und kompromisslos auf der einen Seite, harmonisch und eingängig auf der anderen. Und jeder Mensch, der mal einen dieser Dachschaden-Liveauftritte der Band erlebt hat, weiß: Am Ende geht es bei iedereen nicht nur um Reflexion, sondern mindestens genauso sehr um den Augenblick, um den Moment des Schwindels, um die Körperlichkeit, um die Feier und den Hedonismus, letztendlich also – sagen wir, wie’s ist – ums Wegdröhnen und ums Ficken. Alte Punk-Tradition eben. Ihr habt die Realität? Wir haben den Fluchtweg! Wenn der Alltag ein Gefängnis ist, schmuggeln iedereen mit ihrer Musik eine Feile in die Zelle, mit der man entweder die Gitterstäbe durchsägt – oder eben direkt ein Loch in die Scheißmauer klopft. So klingt Eskapismus im Jahr 2023.

Dass dieses Album dabei trotz der kleinstmöglichen Besetzung, die man als Band haben kann, nie dünn wirkt, keine Lücke oder Fehlstelle offenbart, die man im Kopf immer aufzufüllen versucht, hat einen Grund, und dieser heißt Kurt Ebelhäuser. Für Ron und Tom ist der Produzent ihres Debütalbums schlichtweg „ein Genie“, und auch Außenstehende, die noch nie in seinem Tonstudio 45 in der Nähe von Koblenz waren, preisen ihn anhand seiner kreativen Vita als „deutschen Alternative-Rock-Paten“ oder „Rick Rubin von der Mosel“. Mit Blackmail und Scumbucket war er Mitglied von gleich zwei wegweisenden Alternative-Rock-Bands, und die Liste der Künstler, die er als Produzent begleitet hat, ist lang, illuster und vielseitig: Ob Donots oder Pascow, Van Holzen oder Adam Angst, Acht Eimer Hühnerherzen oder Apoptygma Berzerk – jeder dieser Bands hat Ebelhäuser dabei geholfen, ihre Essenz freizulegen und ihren ureigenen Sound zu finden. Und das hat er auch mit iedereen geschafft, die auf ihrem Debütalbum deutlich ausgefuchster, wärmer und breiter zu Werke gehen als noch auf ihrer ersten EP „Blumenfieber“, die Ende 2021 herauskam.

iedereen wissen, wie das postmoderne Spiel mit den Zitaten, den Referenzen und den Mittelfingern funktioniert: Wie viel Augenzwinkern die Verweise auf Pur und die Prinzen verdient haben? Ob die offensive Pose beim Benennen von diversen Alkoholika, Drogen und Mittelchen nun cool oder entlarvend ist? Stand bei „Urinella“, der irren Ode auf den löffelverbiegenden Esoterik-Magier Uri Geller, etwa Jack Whites berühmter Verhörer in der Kindheit Pate, als er statt „Salvation Army“ immer „Seven Nation Army“ verstand und später einen Song daraus machte? Es sind Fragen wie diese, die dieses Album neben seiner überzeugenden musikalischen Umsetzung zu etwas ganz Besonderem machen.

Zwei Menschen machen Musik und schauen mal, was passiert. Das Rezept, nach dem iedereen handeln, klingt simpel, und es hat sich seit diesem einen Abend im Proberaum, ja eigentlich seit dem ersten Treffen im Sandkasten auch nicht großartig verändert: Freundschaft ist die Basis, Kreativität das Ergebnis.

Fähigkeiten

Gepostet am

11. September 2023